Erinnerungen an eine schräge Zeit auf zwei Rädern - Marcus und die silberne YZF 1000R

   

Filmreif! Wundervoller Stunt! Wenn dabei nicht die Karre verreckt wäre.

Und das alles aus der ersten Reihe, wie im Kino ganz vorne.

Unser Marcus war ein lieber Kerl, keine Frage. Aber in gewisser Weise auch ein echtes Sorgenkind.

Scherze wie das Überholen in der Kurve auf einer engen Landstraße, oder Ausflüge mit 180 Sachen auf der Berliner Heerstraße - mit meiner Freundin hinten drauf - konnten nicht jeden zum Lachen bringen.

Und irgendwann, kurz nachdem er sich die Thunderace neu gekauft hatte, schlug das Schicksal zu.
Es war diesmal nicht etwa der Wahnsinn der ihn geritten hatte, sondern er war nur etwas zu sportlich in eine Kurve gefahren und sah plötzlich nur noch das Licht eines entgegenkommenden PKW.
Als nächstes flog er beim Versuch dem Gegenverkehr auszuweichen, in die parkenden Autos.

Da sich der Unfall am Prager Platz ereignete, kann man davon ausgehen, dass Marcus nicht wirklich viel zu schnell war. Er hatte sich nur zu weit in die Kurve gelegt und kam so in die Mitte der Fahrbahn.
Die Karre schön weit runtergedrückt und die Augen in Scheinwerferhöhe...

Die schlimmste Verletzung war ein gebrochenes Schlüsselbein, die Karre sah schlimmer aus.

Es verging etwas Zeit, Marcus schraubte die Thunderace fürs Erste notdürftig zusammen und fuhr wieder mit.

An einem schönen Spätsommertag waren wir dann mal wieder auf Brandenburgs Landstraßen unterwegs...
Nachdem wir eine Weile vorgefahren waren, musste Marcus mal seine Kartoffeln abschütten und hielt kurz an.
Danach machte ich hinter ihm das Schlusslicht der Gruppe.

Ein paar hundert Meter weiter fädelten sich vor uns schon die Ersten wie die Perlen auf einer Schnur durch eine Linkskurve. Aber keiner legte sich richtig in die Kurve, die Meisten richteten die Bikes etwas auf und fuhren langsamer und weiter in der Mitte der Fahrbahn durch die Kurve.
Und das war schon auffällig, wenn auch noch nicht zu sehen war, warum vorne alle etwas langsamer wurden.

Dann ist die Kurve vor uns. Marcus bremst leicht ab, legt die Thunderace tief in die Kurve, die er ganz weit außen nimmt, und fährt geradewegs in die Sandbahn vor ihm.

Im nächsten Moment klappte die Thunderace vor mir wie in Zeitlupe in die Waagerechte und schoss mit den Rädern voran aus der Kurve.

Marcus hatte es vom Sitz gerissen. Er hatte sich zusammengerollt und sich um 720° gedreht und war dann wie Rumpelstielzchen aufgesprungen und schrie nur "Scheiße, scheiße scheiße!!!"

In der Kurve stand, ein Stück weiter ins Gelände hinein, ein Haus. Davor lag ein echtes Riesenexemplar von einem Feldstein. Da knallte die Yam mit dem Verkleidungskiel dagegen,
der vom Sammler zerlegt wurde als der von der restlichen Masse am Stein zerdrückt wurde.
Die Ölwanne platzte auf und das Öl gab auf dem heißen Sammler sofort eine dicke blaue Qualmwolke.

Nachdem klar war das Marcus unversehrt geblieben war, hetzte ich eine ganze Weile hinter den anderen her, um sie zurück zu holen.
Heute muss ich sagen das es wirklich traurig ist, dass keiner etwas bemerkt hat und plötzlich zwei Leute verloren gehen konnten.
Denn unter Motorradfahrern ist in einer Gruppe jeder auch für die verantwortlich, die er vor sich und im Spiegel sehen kann.