Drummer sind ja so eine ganz besondere Sorte Menschen.
                            Sie sind beinahe unverzichtbar aber auch beinahe unsichtbar.

                            Bei vielen Bands kennt man die Namen von Sängern und Gitarristen, während die Schlagzeuger oft ein
                            Dasein führen, als wären sie Studiomusiker, die keinen anderen Beitrag leisten, als eben ein Instrument
                            zu spielen für das gerade kein anderer da war.

                            Zwei Ausnahmen die mir ad hoc einfallen sind Phil Collins, der als Selfmademan weit mehr gemacht hat
                            als "nur" die Schießbude zu bedienen, und Lars Ulrich von Metallica, der es schafft Drummer _und_
                            Frontmann neben James Hetfield zu sein.

                            Eine weiterer Ausnahmedrummer machte 2012 grandios auf sich aufmerksam, indem er seinen alten Fans
                            ein Solo-Debut präsentierte, dass mehr Durchschlagskraft nicht hätte haben können.
                            Ich würde keinen Moment zögern, Dreck und Seelenbrokat das Album des Jahres 2012 zu nennen.

                             

                                    Peter "Pe" Schorowsky, seines Zeichens Schlagzeuger der Böhsen Onkelz, hat ein so ausgefeiltes Album
                                    abgeliefert, dass man sofort nach Konzertkarten giert.

                                    Pe überrascht zuallererst dadurch, dass er nicht mehr die Sticks schwingt, sondern das Mikro in Beschlag
                                    nimmt.
                                    Und er macht seine Sache vorbildlich und mit Gefühl. Punk vom allerfeinsten verwöhnt vom ersten Titel
                                    an das Gehör.
                                    "Nur noch'n Tag" geht schwungvoll zur Sache und überzeugt mit seinem tiefgründigen Text, über die
                                    schönen Pläne und den Elan, den viele in der Theorie entwickeln aber bei der Realisierung die Lust nicht
                                    finden wollen: "...Morgen ist der Tag und die allererste Stufe, die ist heute, doch heut´ wetz´ ich nur die
                                    Hufe."

                                    Mit den "Farben Deines Ichs" gibt's schnellen Punk mit gut verständlichen Vocals.
                                    Zum Autofahren nicht zu empfehlen - aber gut für den Puls und gegen Trübsal.
                                    Beim ersten Hören fliegt man noch etwas darüber hinweg, doch irgendwann bleibt der Solopart im Ohr
                                    hängen.
                                    Und das zieht sich über den Rest der Scheibe wie ein roter Faden.

                                    Beinahe jedes Stück gefällt auf Anhieb, doch mit jedem weiteren Hören wird die Scheibe immer besser.
                                    Und während sich die Nachbarn allmählich fragen, ob man nur noch die eine CD hat, brennt sich "Alte Welt"
                                    als Ohrwurm fest.
                                    Recht getragen steigt der Pe hier ein, dann nach etwas mehr Forte und dem Refrain, sucht der Blick des
                                    glücklichen CD-Besitzers sofort nach der Hülle um sich den Titel zu merken.
                                    Irgendwie will ich mich hier an die Onkelz erinnert fühlen, doch es ist Pe, der da auch das Metal-Handwerk
                                    bravourös beherrscht.

                                    Und spätestens beim vierten Titel "Nachschlag" will man am liebsten schon morgen die nächste Scheibe
                                    vom Herrn Schorowsky kaufen.
                                    Frech und fidel geht er los und nennt sich "die vierte Zelle". Das nenn' ich understatement.
                                    Im Moment steht der Pe unter den Onkelz an erster Stelle, wenn es um mein Rating für ein Solo-Album
                                    geht.

                                    Als nächstes präsentiert er einen weiteren Bleifuß-Hammer, mit dem er einem Haufen Rost, Benzin und
                                    altem Eisen seine Liebeserklärung macht, den er über eine Annonce kennen gelernt hat.
                                    Und er reißt auch hier wieder alles von den Sitzen.
                                    Lethargie hat beim Pe keine Chance.

                                    "Blitz" ist die Quasi-Fortsetzung des Openers und geht etwas hinter den anderen Stücken unter.
                                    Aber es kann ja kaum 12 Lieblingstitel von 12 Titeln geben...

                                    "Splitter" handelt auf punkig schnelle Weise von einem gebrochenen Herzen, dass sehenden Auges in
                                    sein Unglück stolpert während es "...um sein Leben läuft..."

                                    Wer "Sophisticated: Aliens, Fliegenschiss & Mamas BH" gelesen hat, der weiß um Pe's philosophische
                                    Ader.
                                    Und so setzt er sich im "Schrottplatz Deiner Seele" mit emotionalen Altlasten auseinander.
                                    Auch hier ist wieder das Gefühl, dass da Dinge auf eine Weise angesprochen werden, wie man das als
                                    Onkelz-Fan kennt.

                                    Die absolute Krönung intoniert Pe dann mit "Geist".
                                    Musikalisch wie textlich ist das mein Favorit, der mich zum "repeaten" zwingt.
                                    Noch mal und noch mal und noch mal möchte ich hören, wie er diese Zeilen singt:
                                    "Wir heben ab, Mutter wir fliegen! Der irdische Leib bleibt auf dem Sofa liegen. /
                                    Gut isoliert, das Beste begraben und unser Hirn mit Stickstoff aufgeschlagen /
                                    Sieh´ die Sternenklare Nacht, nur für dich und mich gemacht."

                                    Wahnsinn Mann!

                                    Auch hier gibt's wieder Soloeinlagen, Pe überzeugt mit sehr viel Gefühl in der Stimme.
                                   
                                    Dann geht es mit einer waschechten Punknummer weiter, die sich mit den Unterschieden beschäftigt,
                                    die eine Liebe unmöglich machen können:
                                    "Lieber Gott, mach das sie mich liebt, den wurmstichigen, mittellosen, semi-schönen Creep"

                                    Mit "Opfer" kommen die Gepeinigten wie die Zombies "...zurück von allen Seiten..."
                                    So sollten die Alpträume unserer Regierungspolitiker aussehen... und die, aller anderen Verbrecher.
                                    Getreu der Devise, dass Gott die kleinen Sünden sofort und die größeren später straft.

                                    Und auch wenn der Nordpol zum emotionalen Gegenpart erklärt wird, und Pe singt:
                                    "...hast meinen Namen vergessen. Ich hab deinen tätowiert!" geht es um das beliebte Thema Liebe in
                                    einer betont anderen Sichtweise und Wortwahl, als die ganzen Schlagerheinis es je fertig bringen
                                    würden.

                                    Ich habe an dieser Stelle nur einen Wunsch:
                                    Bitte lieber Pe, warte nicht lange und liefer' uns noch so ein Ding ab.

                                    Vielen Dank für dieses Stück Musik