Hallo und willkommen im bösen Blog

                                            Auch dieses Mal geht es nur ums Geld. Und zwar um die Rente von Herrn 95%
                                           
                                            Wie im Blog Geld schon angeschnitten, ist die Rente eine tolle Idee.
                                            Nur ist sie so schwer realisierbar...

                                            Unser Herr 95% hat sich wegen seiner persönlichen Aussichten einmal näher mit der Rente beschäftigt.

                                            1889 von Reichskanzler von Bismarck eingeführt, setzte schon die erste Rente in deutschen Landen
                                            auf eine kleine Schar von Empfängern.
                                            Wie das bei Versicherungen so ist, zahlte eine wachsende Gemeinschaft, die als solche an Stärke gewann,
                                            Beiträge in die neue Rentenversicherung ein.
                                            Diese Gemeinschaftsleistungen sollten dem Einzelnen im Bedarfsfall zur Verfügung stehen.
                                            Die Voraussetzung war das Erreichen des 70. Lebensjahres (wovon wir heute wieder nicht mehr weit entfernt sind).

                                            Anders als heute betrug die Lebenserwartung jedoch im Durchschnitt nur 40 Jahre.
                                            So war sichergestellt, dass nur wenige der Einzahler in den Genuss einer Altersrente kommen konnten.
                                            Das System war "dicht".

                                            Nach dem II Weltkrieg war, auf ganz Europa gesehen, ein großer Teil der Bevölkerung umgekommen.
                                            Die ersten nachrückenden Generationen standen noch verhältnismäßig wenigen Rentenempfängern gegenüber.

                                            Das änderte sich jedoch bald deutlich. Immer mehr Menschen wurden durch die medizinischen Fortschritte
                                            und eine andauernde Waffenruhe immer älter. Immer mehr Rentner kamen auf die Beitragszahler zu,
                                            deren Versicherer nicht einkalkuliert zu haben scheinen, dass man bei der gesetzlichen Rentenversicherung
                                            unter diesen Umständen auch wesentlich mehr "Versicherungsfälle" zu erwarten hat.

                                            Herr 95% kann sich noch gut erinnern. Während der Amtszeit Ludwig Ehrhardts und seines Wirtschaftswunders,
                                            konnten sich die arbeitenden Menschen immer mehr leisten und auch die Rente noch stabil halten.
                                            Mit den Veränderungen der Kurven kam dann die Gewissheit, dass das System unverändert nicht unbegrenzt
                                            funktionieren konnte. Einen zusätzlichen tiefen Einschnitt, fügten die geburtenschwachen Jahrgänge dem nun
                                            ohnehin wacklig gewordenen Rentensystem zu. An der Alterspyramide lässt sich diese Entwicklung sehr gut ablesen.

                                            Herr 95% versteht, dass beim Beibehalt des derzeitigen Rentensystems die Einzahlungen mit den Ausgaben nur
                                            noch in ein Gleichgewicht kommen können, wenn die Renten gekürzt werden. Zusätzlich können die Rentenbeiträge
*
                                            wie auch das Renteneintrittsalter weiter angehoben werden.

                                            Das alles haben wir schon erlebt. Auch die Idee, dass man eine Rente besteuern kann, ist nicht mehr neu.
                                            Trotz allem lässt sich aber offenbar kein Rentenkonzept finden, dass passen will.

                                            Bei den Beitragszahlungen sind die Beamten ausgenommen. Beamte erhalten keine Rente.
                                            Ehemalige Staatsdiener erhalten vom Staat eine Pension. Ohne je einen Beitrag in die Rentenkassen geleistet
                                            zu haben. Dafür muss ein Beamter auch nicht um seinen Arbeitsplatz fürchten oder einen ALG-II-Antrag
                                            ausfüllen.
                                            Da fällt Herrn 95% wieder ein, dass er ein Video von Volker Pispers aus dem Jahr 2010 gesehen hat.
                                            In dem hatte der Kabarettist unser gesetzlich geregeltes Sozialsystem genauer unter die Lupe genommen.
                                            Ganz am Ende ging es um die Sozialversicherungsbeiträge.
                                            Die machten seinerzeit für alle Einzahlenden 20% vom Bruttolohn aus (für Kranken-, Arbeitslosen-, Renten- und
                                            Pflegeversicherung). Aber nur bis zu einer Grenze von 898,93 Euro. Ab dieser Grenze stieg der Beitrag 2010 nicht
                                            weiter an. Diese Grenze wurde seither weiter reduziert (siehe auch im Blog_Gerechte_Kostenverteilung)
                                            Wer also viel verdient, muss ab dieser Schwelle im Verhältnis immer weniger bezahlen.
                                            Andersherum: Entlastet wird wieder einmal, wer gut verdient, zum Nachteil derer, die wenig verdienen
                                            (Dazu unten mehr unter dem Stichwort Schweizer Rentenmodell).
                                           

                                            Nun sind seit Jahren die Aussichten immer düsterer geworden, und zusätzliche Rentenversicherungen haben
                                            Konjunktur. Wer sich für die "falsche" Art von privater Altersvorsorge entscheidet, kann sie im Falle der
                                            Erwerbslosigkeit und ALG-II-Bezug auch wieder verlieren (siehe Blog_Geld).

                                            Nun stehen sich die politischen Lager in der Rentenfrage erneut gegenüber.
                                            Der Verkünder des Slogan "Die Rente ist sicher" Norbert Blüm, fordert eine sog. Solidarrente für
                                            Geringverdiener! Herr 95% möchte zu gerne glauben, Herr Blüm hätte die Vorzeichen erkannt.
                                            Sind die Voraussetzungen für die Blümsche Variante der Solidarrente
                                            - mindestens 40 Versicherungsjahre
                                            - mindestens 30 Beitragsjahre
                                            - Gesamtrentenanspruch unterhalb der Grundsicherung (ALG-II-Satz)
                                            erfüllt, wird die Rente auf 850 Euro angehoben.

                                            Aus Sicht eines Mediziners würde sich das so darstellen:
                                            Es wird nicht an der Ursache gearbeitet, sondern es wird nur das Symptom beseitigt.
                                            Bei einer sozialen Beschäftigungspolitik sollten die Arbeitnehmer so viel verdienen, dass sie mit ihren
                                            Rentenbeiträgen trotz Inflation, im Alter ein Auskommen haben.
                                            Doch die Forderungen nach der dazu nötigen Grundvoraussetzung, einem flächendeckenden Mindestlohn,
                                            werden immer wieder beerdigt, bevor sie sich zu einem Gesetzesentwurf aufblähen können.
 
                                            Die Notwendigkeit sitzt im Wartezimmer und stirbt, während die Doktoren sich darüber streiten
                                            welches Pflaster bis zu den nächsten Wahlen hält.
                                            Was wird denn in Zukunft aus den Rentnern, die nach diesen Überlegungen weiter mit weniger als 850 Euro ihr
                                            Überleben sichern müssen, obwohl sie ihre Beiträge geleistet haben?

                                            Dann sind 850 Euro eine pauschale Summe. Welche Kaufkraft haben 850 Euro in 20 Jahren?
                                            Zumal der Mensch im Alter für gewöhnlich auch höhere Kosten für seine medizinische Versorgung
                                            einkalkulieren muss.

                                            Herr 95% geht aber einmal optimistisch davon aus, dass damit der Satz bei einer zeitnahen Einführung der
                                            Solidarrente gemeint ist, und er geht auch weiter davon aus, dass der Satz in den kommenden Jahren
                                            dynamisch angepasst wird.

                                            Das hieße dann in der Realität noch immer, dass der eine Rentner, dessen Rente gerade so über der
                                            Grundsicherung liegt (maximal 742 Euro - in Berlin - maximal 360 Euro für Miete, plus "Regelbedarf" von
                                            382 Euro nach SGB II), also mit z.B. 760 Euro gerade so nichts bekäme.
                                            Wer nur 20 Euro weniger Rente hat, bekommt dann 100 Euro mehr als der, der hinsichtlich seiner
                                            Rentenbeiträge einen höheren Anspruch hat.
                                            Die Rechnung ohne Mietkosten ergäbe eine Rente von unter 382 Euro die es zu unterschreiten gilt.
                                            Läge die Rente bei 390 Euro oder höher, wäre das wieder über der Grundsicherung. Es gäbe keine 850 Euro.

                                            So zumindest muss Herr 95% das verstehen, was ihm bzgl. der Solidarrente an Informationen vorliegt.
                                            Und er hat keinen Anhaltspunkt dafür gefunden, dass seine Vermutungen übertrieben sind.                                           
                                            Und es geht noch besser:

                                            Jetzt kommt die Frau Ursula von der Leyen und findet diese Idee vom Herrn Blüm gar nicht verkehrt.
                                            Ist ja auch nett für's Volk und die Parteimitglieder an der Basis, wenn sich wenigstens mal Politiker einer
                                            Partei einig sind. Da findet auch Herr 95%, dass das mal eine Seltenheit ist.
                                            Frau von der Leyen ist aber auch kreativ. Sie stimmt dem Herrn Blüm nicht einfach nur zu, sie hängt an seinen
                                            Vorschlag noch eine weitere Bedingung an. Der "Anwärter" auf die Solidarrente soll nach ihrem Plan auch
                                            über eine private Altersvorsorge verfügen...

                                            Hier fallen dann auch alle unten aus dem Netz, die in der Vergangenheit ihre private Altersvorsorge vorzeitig
                                            in Anspruch nehmen mussten, weil sie keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung hatten, oder so wenig verdienten,
                                            dass ihnen für eine private Rentenvorsorge kein Geld übrig blieb.
                                            Und in der Folge dessen nun keine private Altersvorsorge (mehr) vorzuweisen haben.
                                            All diese Menschen zahlen dann als Rentner die Zeche, für eine menschenunwürdige Lohn- und Beschäftigungspolitik,
                                            wie sie über Jahrzehnte von Wirtschaftsriesen willenlosen Politikern diktiert wurde.

                                            Oder, und das betrifft besonders die Altersgruppe zwischen 16 und 30, man macht sich überhaupt keine Gedanken
                                            über das unvermeidlich voranschreitende Altern und die, wenn man wollte, vorhersehbaren Umstände unter denen
                                            der mittelalte Mensch von heute auf seine alten Tage wird leben müssen. Das Thema wird ausgeblendet.

                                            Damit wird der Kreis der potenziellen Empfänger der Solidarrente deutlich eingeschränkt.
                                            Nur wer schon etwas hat, bekommt auch etwas dazu.
                                            Das unterstreicht ein weiteres Mal die Ungerechtigkeit und Unausgewogenheit dieser Pläne.

                                            Als hätten alle ihre Notizen auf dem gleichen Block geschrieben, wartet auch der SPD-Parteivorsitzende
                                            Sigmar Gabriel mit diesen Zahlen auf. Er plant zudem eine Senkung des Rentenniveaus auf 43% (des
                                            Einkommensdurchschnitts der Erwerbstätigen). Das klingt besser und nicht so deutlich, als würde er sagen,
                                            das die Rente gekürzt wird.
                                           
Herr 95% findet das einen weiteren Schlag ins Gesicht jedes Beitragszahlers. Nicht mehr und nicht weniger. 

                                            Böse könnte er auch unterstellen, dass man sich zwar genötigt sieht etwas gegen die Angst vor drohender
                                            Altersarmut zu tun, nicht aber gegen die Altersarmut selbst.
                                            Der Rentner als uninteressanter Faktor für die Wirtschaft.

                                            Wie hoch ist denn aber der tatsächliche Einkommensdurchschnitt der Erwerbstätigen?
                                            Viele Arbeitnehmer müssen zusätzlich zu ihrem Einkommen eine Aufstockung auf die Grundsicherung, bzw.
                                            Wohngeld beantragen. Keiner dieser Menschen kann sich mit einem solchen Einkommen eine private Zusatzrente
                                            leisten. Und wird ihr Einkommen in diesen Kalkulationen auch wirklich berücksichtigt?

                                                       In einem Artikel vom 12.12.2012 berichtete "die Welt" über eine Marktforschungsanalyse zur Entwicklung der
                                            Kaufkraft in Deutschland für 2013. Dieser Artikel zeigt sehr deutlich das Gefälle bzgl. der Einkommen im Land.
                                            Außerdem finden sich unter dem Artikel, 13 grafisch aufbereitete Statistiken, denen zufolge z.B. das
                                            Durchschnittseinkommen in Berlin bei knapp über 40.000 Euro jährlich liegt.
   
                                            Das ist so verlogen, dass Herrn 95% die Worte fehlen.
                                            In der Realität verbuchen am Monatsende einige wenige so viel dazu, das es reichen würde, um ganzen Straßenzügen
                                            voller Menschen ein Leben zu ermöglichen, von dem die meisten träumen - und das sich diese wenigen kaum vorstellen
                                            wollen, weil es an ihren Ansprüchen gemessen noch immer primitiv wäre.

                                            Die vielen kleinen Verkäufer und Angestellten z.B. im Handel, in der Produktion, in der Gastronomie, dem Handwerk
                                            wie z.B. beim Friseur o.ä., verdienen ganz sicher beim Brutto weder 3333,33 Euro im Monat, noch 2333,33 - sondern
                                            weit weniger. Und das trifft damit auf eine Vielzahl von Berufstätigen zu.
                                            Auf zu viele, die trotz Vollbeschäftigung und geringen Ansprüchen, mit ihrem Geld kaum über die Runden kommen.
                                            Und in der Folge nicht dazu in der Lage sind, eine private Rentenvorsorge zu finanzieren.
                                           
                                            Herr 95% fragt sich, warum es keinen Vorschlag zu einer Mindestrente gibt, die für jeden Beitragszahler gilt.
                                            Einen, bei dem sich die Beitragszahler wie Herr 95% nicht wie so oft von einer "Maßnahme" ausgenommen
                                            und vergessen fühlen.
                                            Oder besser noch, warum orientieren wir uns nicht am Schweizer Rentenmodell? Dieses beruht auf dem
                                            Umlageverfahren. Und das die Schweizer mit Geld umgehen können, steht für ihn außer Frage.
                                            Er kann sich auch nicht erinnern, einmal von sozialen Missständen in der Schweiz gehört zu haben, wie wir
                                            sie jeden Tag vor unserer Haustür sehen können - wenn wir sie nur sehen wollen.

                                            *Wozu dann auch wieder die Löhne steigen müssten